Ausfallquoten lesen lernen
Eine veröffentlichte Ausfallquote hängt stark von der Definition (30, 60 oder 90 Tage überfällig), vom Zeitpunkt der Messung und vom Wachstum des Kreditbuchs ab. Ein schnell wachsendes Portfolio zeigt mechanisch niedrige Ausfallquoten, weil junge Kredite noch keine Zeit zum Ausfallen hatten. Aussagekräftig sind nur Kohorten-Verlustquoten nach Recovery, nicht Momentaufnahmen.
Plattformen wie Mintos veröffentlichen Kennzahlen zu Portfolioqualität, teils als „Ausfallquote", teils als Anteil des Portfolios „in Recovery", teils als Nettoertragskennzahl. Auf den ersten Blick wirken solche Zahlen vergleichbar — zwischen Plattformen und selbst zwischen verschiedenen Berichtszeitpunkten derselben Plattform sind sie es aber häufig nicht, weil weder die Definition von „Ausfall" noch der Berechnungszeitpunkt einheitlich sind.
Für die Rückkaufverpflichtung selbst gilt die Marke von 60 Tagen — das ist aber eine vertragliche Schwelle für den Rückkauf, keine allgemeingültige Definition von „Ausfall" für Statistikzwecke.
Warum die Tage-Definition den Wert verschiebt
Ob ein Kredit ab 30, 60 oder 90 Tagen Verzug als ausgefallen zählt, verändert die ausgewiesene Quote erheblich, weil zwischen diesen Schwellen ein relevanter Teil der Kredite noch zurückgeführt wird. Eine Plattform, die „Ausfall" bei 90 Tagen definiert, wird strukturell niedrigere Quoten ausweisen als eine, die schon bei 30 Tagen zählt, ohne dass sich das zugrunde liegende Kreditrisiko unterscheiden muss.
Die erste Frage bei jeder veröffentlichten Ausfallquote sollte nicht „wie hoch ist sie", sondern „ab wann zählt hier etwas als ausgefallen" lauten.
Aktuelle Quote versus Kohorten-Verlustquote
Der wichtigste methodische Unterschied liegt zwischen einer aktuellen Ausfallquote (Anteil der zu einem Stichtag überfälligen Kredite am aktuell ausstehenden Portfolio) und einer Kohorten- oder Vintage-Verlustquote (welcher Anteil einer bestimmten Vergabe-Kohorte über ihre gesamte Laufzeit tatsächlich ausgefallen ist, nach Abschluss aller Recovery-Bemühungen). Eine aktuelle Momentaufnahme über alle Kohorten hinweg vermischt junge und ausgereifte Kredite und ist damit für sich genommen wenig aussagekräftig.
Die Wachstums-Verzerrung
Der Effekt, der aktuelle Ausfallquoten besonders unzuverlässig macht, ist die Wachstums-Verzerrung: Ein Kreditbuch, das schnell wächst, zeigt mechanisch eine niedrige Ausfallquote, weil der Nenner (das gesamte ausstehende Volumen) stark durch junge Kredite aufgebläht wird, die noch gar keine Zeit hatten auszufallen.
Ein vereinfachtes Rechenbeispiel zur Veranschaulichung (keine reale Plattformzahl): Vergibt eine Plattform in Monat 1 Kredite über 10 Millionen Euro, von denen nach zwölf Monaten 5 % ausfallen, entspricht das 500.000 Euro Ausfall auf 10 Millionen Euro Ausgangsvolumen — eine Kohorten-Verlustquote von 5 %. Wächst dieselbe Plattform aber monatlich um weitere 10 Millionen Euro neu vergebenes Volumen, steht den 500.000 Euro Ausfall aus der ersten Kohorte im zwölften Monat ein Gesamtportfolio von rund 120 Millionen Euro gegenüber — die ausgewiesene aktuelle Ausfallquote läge bei unter 0,5 %, obwohl das tatsächliche Verlustrisiko pro Kohorte unverändert bei 5 % liegt.
Brutto-Ausfall versus Netto-Verlust nach Recovery
Ein weiterer Unterschied liegt zwischen dem Brutto-Ausfall (Kredite, die die Ausfalldefinition zu irgendeinem Zeitpunkt erfüllt haben) und dem Netto-Verlust nach Recovery. Bei Mintos zeigt sich das an der eigenen Methodik für die Nettoertragskennzahl NAR (Net Annualized Return): Verluste aus nicht oder nur teilweise erfolgreicher Recovery fließen dort laut Mintos erst ein, nachdem der Recovery-Prozess abgeschlossen wurde. Rückstellungen für erwartete künftige Verluste sind ausdrücklich nicht enthalten.
Was das am aktuellen Mintos-Beispiel zeigt
Am 11. August 2026 wies Mintos rund 197,7 Millionen Euro beziehungsweise 28,8 % des aktiven Portfolios als „in Recovery" aus, ausgelöst im Wesentlichen durch den Fall Nera Capital. Bemerkenswert dabei: Berichten zufolge zählten die betroffenen Forderungen bis Juli 2026 in der öffentlichen Statistik noch als „aktuell" (current), obwohl die zugrunde liegenden Zahlungsprobleme bereits seit April 2026 bestanden.
Was du konkret einfordern solltest
- die exakte Definition von „Ausfall" (Tage im Verzug) und ob sie sich seit früheren Berichten geändert hat
- eine Kohorten- oder Vintage-Aufschlüsselung statt einer reinen Gesamtportfolio-Momentaufnahme
- Angaben zum Wachstum des Kreditbuchs im selben Zeitraum
- eine Unterscheidung zwischen Brutto-Ausfallrate und Netto-Verlustquote nach abgeschlossener Recovery
- Angaben dazu, wie mit noch laufenden Recovery-Fällen in aktuellen Kennzahlen umgegangen wird
Häufige Fragen
Warum zeigen wachsende P2P-Plattformen fast immer niedrige Ausfallquoten?
Weil eine aktuelle Ausfallquote das ausstehende Gesamtvolumen als Nenner nutzt. Bei starkem Wachstum besteht dieses Volumen überwiegend aus jungen Krediten, die noch gar keine Zeit hatten, in Verzug zu geraten.
Was ist der Unterschied zwischen einer Ausfallquote und der Net Annualized Return (NAR)?
Die Ausfallquote misst überfällige Kredite zu einem Stichtag. Die NAR berücksichtigt tatsächliche Cashflows und final abgeschlossene Ausfälle, aber laufende Recovery-Fälle und erwartete künftige Verluste ausdrücklich nicht.
Ist eine Ausfalldefinition ab 60 Tagen strenger oder großzügiger als eine ab 90 Tagen?
Strenger. Je kürzer die Frist bis zur Einstufung als „ausgefallen“, desto mehr Kredite fallen unter diese Definition, weil ein Teil zwischen Tag 60 und Tag 90 noch zurückgeführt worden wäre.
Reicht eine niedrige, aktuell veröffentlichte Ausfallquote als Entscheidungsgrundlage?
Nein. Eine aktuelle Quote ist eine Momentaufnahme, die stark vom Wachstumstempo des Kreditbuchs abhängt. Aussagekräftiger sind Kohorten-Verlustquoten über die gesamte Laufzeit.